Hirnforscher erkunden das Unbewusste – Sendung zum Nachhören
Hirnforscher erkunden das Unbewusste – Sendung zum Nachhören
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/mensch/neuropsychologie-freud-unbewusste100.html
Quelle: Von: Martin Hubert / Redaktion: Gerda Kuhn, BR
Sigmund Freud gilt als Begründer der Wissenschaft des Unbewussten. Nach seinem Tod schotteten sich die Psychoanalytiker aber lange Zeit ab. Sie meinten, an den Grundprinzipien der Freudschen Lehre solle nicht gerüttelt werden. Umgekehrt warfen Kritiker der Psychoanalyse vor, einen Irrweg beschritten zu haben. Alles, was Freud über das Es, den Traum und die Verdrängung gesagt habe, sei nicht mehr haltbar. Seit dem Jahr 2000 existiert eine neue Bewegung, die zwischen beiden Positionen vermitteln will. Neuropsychoanalytiker glauben, dass sich über den Blick ins Gehirn besser verstehen lässt, welche Ideen Freuds noch fruchtbar sind. Ihre Devise lautet: Was sich an der Psychoanalyse bestätigen lässt, soll weiterleben. Was nicht, soll aufgegeben werden.
Vom Sinn der Träume
Der Königsweg zum Unbewussten war für Freud die Traumdeutung. Denn im Traum kämen unbewusste Wünsche in bizarrer Weise zum Ausdruck. Vor allem triebhaft-sexuelle Wünsche würden ins Unbewusste abgedrängt, weil sie gegen soziale Normen oder Verbote verstoßen. Falsch, sagten lange Zeit viele Traumforscher. Denn wenn wir nachts träumen, seien im Gehirn überhaupt keine Regionen aktiv, die mit persönlichen Erinnerungen und Trieben verbunden sind. Der an der Universität Kapstadt lehrende Psychoanalytiker und Hirnforscher Mark Solms fand in den vergangenen Jahren jedoch einige Hirnregionen, die für Freuds Annahme sprechen. Beim Träumen sind Hirnregionen aktiv, die den Menschen neugierig machen und seine innersten Bedürfnisse regulieren. Im Traumschlaf scheinen wir uns also doch unbewusst mit unseren Wünschen zu beschäftigen.
Das neue Bild des Unbewussten
Der Blick ins Gehirn verändert aber auch einige klassische Vorstellungen der Psychoanalyse. Zum Beispiel ist nicht mehr haltbar, dass das unbewusste Triebleben vor allem von sexuellen Wünschen beherrscht ist. Das Such- und Antriebssystem, das beim Träumen aktiv ist, kann mit allem zu tun haben, was den Menschen innerlich umtreibt. Das können sexuelle Bedürfnisse und Wünsche sein, aber genauso gut auch Ängste, Sorgen und schlechte Erinnerungen. Wenn also ein riesiger Turm im Traun auftaucht, muss man nicht gleich an einen Phallus denken. Man sollte einfach den Gefühlen nachgehen, die das Traumbild in einem auslöst. Dann kann man dahinterkommen, welche persönliche Bedeutung es für einen hat. Das unbewusste Triebleben ist im Gehirn sehr vielfältig angelegt
„Es gibt ein Sex- oder Lustsystem und ein Fürsorgesystem, das vor bei allem bei Müttern wirkt, aber auch Väter können lernen, es zu nutzen. Und wenn alles gut läuft und Sie gute Freunde haben, dann kommt zum Beispiel ein System zum Tragen, das Sie zum Spielen anregt. Alle diese Systeme sind biologisch fest in uns verankert.“
Prof. Jaak Panksepp, Hirnforscher, Bowling Green State University. USA.
Therapiefragen
Mit ihren Einsichten möchten die Neuropsychoanalytiker auch neue Wege in der Therapie gehen. Zum Beispiel bei der Depression. Im Gehirn existiert ein Triebsystem, das Menschen dazu bringt, sich aneinander zu binden. Dieses Bindungssystem scheint bei Depressiven gestört zu sein. Neuropsychoanalytiker testen daher, inwieweit man depressiven Menschen helfen kann, indem man gezielt auf dieses Bindungssystem einwirkt. Die Wissenschaftler untersuchen auch, ob die psychoanalytische Therapie überhaupt wirksam ist. Sie überprüfen zum Beispiel, inwieweit sich das Gehirn von Depressiven verändert, wenn sie auf der Couch liegen und dem Analytiker von ihrem Leben erzählen. Erste Ergebnisse zeigen, dass eine Psychoanalyse Gehirnvorgänge tatsächlich positiv beeinflussen kann. Es scheint also weiterhin sinnvoll zu sein, auf Sigmund Freuds Psychoanalyse zurückzugreifen.
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/mensch/neuropsychologie-freud-unbewusste100.html